Eine Antwort per E-Mail:
Wenn ich recht sehe, haben Sie besonders unsere Aussage „Schon immer gab es Migration“ (Punkt 6) beklagt. Darin wollte ich lediglich an ein, wie ich denke, historisches Faktum erinnern, und sie haben mich gefragt: „In welcher Welt leben Sie“? Darauf will ich kurz antworten:
Ich lebe in einer Ortschaft im nördlichen Baden, westlich von Heilbronn. Auf dem nächsten Berg sind die Ruinen einer keltischen Fliehburg. Gegenüber der Rest einer germanischen Siedlung und einer römischen Villa; 1 km entfernt liegen keltische Hünengräber. Die karolingische Burg im Nachbardorf wurde von italienischen Steinmetzen erbaut. Zwischen den Ortsteilen liegen einige mennonitische Gutshöfe (Glaubensflüchtlinge, die vor 360 Jahren aus der Schweiz vertrieben wurden, und die die Herren zu Venningen aus der genannten Burg hierhergeholt hatte).
In unserem Dorf gibt es einen großen jüdischen Friedhof sowie Reste einer Synagoge aus dem Mittelalter. In der Nähe liegt der Ort Pinache, Waldenser haben das Dorf vor 320 Jahren aufgebaut.
Ich denke auch an die Stadt Mannheim in der Nähe: Kurfürst Friedrich IV gründete sie 1607 als Zufluchtsort für Flüchtlinge; der Stadtrat tagte damals mehrsprachig.
Im Rathaus unseres Dorfes ist ein Gedenkraum von Heimatvertriebenen aus Schlesien; Bootsflüchtlinge aus Vietnam vor 45 Jahren sind sehr gut in unsere Gesellschaft integriert.
Seit 3 Jahren wohnen 5 ukrainische Kriegsflüchtlinge bei uns im Haus, und wir machen sehr gute Erfahrungen miteinander: Der Familienvater ist als zuverlässiger Arbeiter in einer nahen Fabrik sehr geschätzt. Die Frau lernt kräftig Deutsch, da Fachkräfte in der Altenpflege dringend gesucht werden.
Sie Sie sehen haben wir in unserem Land immense Erfahrung mit der Integration von Neubürgern.
2. Aus dem Heimatdorf meines Vaters in Nordhessen wanderten vor 200 Jahren etliche Verwandte in Hoffnung auf ein besseres Leben nach Nordamerika aus; von der Verwandtschaft meiner Frau einige nach Südafrika.
3. Ich lese regelmäßig meine Bibel, und die meisten Personen dort waren Geflüchtete bzw. Migranten.
In unserer evangelischen Gemeinde haben wir etliche Geflüchtete aus verschiedenen Ländern; sie alle kamen aus großer Not, nicht wegen Sozialhilfe; sie suchten kein „Schlaraffenland“, wollten gleich hier arbeiten (was sie jedoch nicht durften). Ich bin durch sie sehr beschenkt und bereichert worden – persönlich und in meinem Glauben.
4. Erst letzte Woche war ich wieder in meiner Geburtsstadt Frankfurt/M. Dort gehen sonntags viel mehr Migranten in ihre muttersprachlichen Gottesdienste aus hier aufgewachsene Deutsche.
5. Vor einigen Wochen predigte ich in einer Gemeinde im Pfälzer Wald; diese wäre schon längst eingegangen, hätten nicht etliche Geflüchtete dort ihre geistliche Heimat gefunden.
In dieser Welt lebe ich – Sie vielleicht in einer anderen Umgebung – und darum habe ich, m.E. nur ein historisches Faktum genannt.
In dem von Ihnen beklagten AMIN-Thesenpapier heißt es weiter, dass wir nicht alle Notleidenden der Welt aufnehmen können, sondern zu unseren Grenzen stehen und Schwerpunkte setzen müssen – kein „Kommt-herbei -ihr-Völkerscharen-Welt?“. Wir sollten jedoch Mitgefühl haben für Menschen, die echt um ihr Leben fürchten – und dabei denke ich z.B. an Konvertierte aus dem Iran.
Zudem beklagen wir im AMIN, dass es kaum Wege für die legale Zuwanderung von Arbeitskräften aus Nicht-EU-Staaten gibt; alles wird durch den Flaschenhals des Asylrechts gezwängt, und dieses ist nicht dafür geeignet. Zudem sind die Entscheidungsprozesse viel zu langwierig und ineffektiv, ebenso die Anerkennung ausländische Berufsabschlüsse; das frustriert Geflüchtete, die noch nicht arbeiten dürfen, ebenso Kommunalpolitiker, die für die Unterbringung von Geflüchteten sorgen müssen, und die Bevölkerung, die Widersprüche in unserer Asyl- und Migrationspolitik zurecht beklagt. Dennoch bin ich dankbar für unser Land, für Demokratie, Rechtsstaat und Menschlichkeit. Diese möchte ich bewahren und weiter stärken – und dazu gehört auch ein respektvoller Austausch auch bei unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen.
Integration ist eine langfristige Aufgabe, und sie erfordert persönliche Begegnungen: jeder Zugezogene braucht einen persönlichen Freund, der ihm Deutschland erklärt, wie wir leben, was hier geht und was nicht. (Das gilt besonders für Zugezogene aus ganz anderen Kulturen und besonders junge Männer, die hier ohne ihre Familie aufwachsen). Der Staat kann dies nur finanziell unterstützen, es wird geleistet durch ganz viele Bürger und Bürgerinnen in unserem Land.
Ihre emotionalen Worte lassen mich vermuten, dass Sie andere persönliche Erfahrungen gemacht haben. Das bedaure ich sehr und würde gerne von Ihnen lernen (Ich selbst habe seit 50 Jahren etliche Geflüchtete als Freunde und sie haben mein Leben immens bereichert).
Ich betone nochmals: wir haben in Europa (!) unsere Hausaufgaben zu machen und für effektive Gesetze und Verfahren zu sorgen – das dürfen wir nicht Geflüchteten anlasten. Zudem brauchen wir m.E. dringend Zuwanderung für unsere Wirtschaft (junge Fachkräfte und Ausbildungswillige) und unsere Rentenversicherung, weil wir viel zu wenig Kinder in unserem Land haben. Diese Fehler hat unsere Gesellschaft bereits vor 40 Jahren gemacht und die lassen sich nicht kurzfristig auflösen.
Wir sprechen jedoch über Menschen, nicht über Zahlen oder Gegenstände, über tragische Lebensgeschichten. Gerade da zeigen sich unsere Werte: Menschenwürde, Fairness, Barmherzigkeit, Demut, Liebe, die unsere Kulturen in Europa (durch das Evangelium) bisher geprägt haben. Wollen wir das alles aufgeben? In welcher Welt leben wir dann?
Detlef Blöcher
- Würde statt Verachtung. Jeder Mensch ist zum Bild Gottes geschaffen (1. Mose 1,26).
Das bekräftigt unser Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar (Art. 1). Das gilt
für alle Menschen in unserem Land. - Du sollst nicht falsch Zeugnis reden (2. Mose 20,26). Das fordert eine sachliche
Auseinandersetzung bei unterschiedlichen Meinungen, die Würde des anderen zu wahren sowie
auf Halbwahrheiten und Beleidigungen zu verzichten. - Konsequent handeln. Unsere gesellschaftlichen Grundwerte (Art. 1-11 GG) sind nicht
verhandelbar. Gewalt, Antisemitismus und Rassismus haben hier keinen Platz. - Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist, fordert Jesus (Lukas 6,36).
Gott hat uns reich beschenkt. Seine Großzügigkeit und Gnade wollen wir mit anderen teilen. - Christen anderer Herkunft und Sprache gehören zu unserer Familie (Gal 3,28).
Sie bereichern unser Gemeindeleben und unsere Theologie. Sie verstehen sich als integraler Teil
unserer Gesellschaft. - Schon immer gab es Migration. Menschen ziehen aus Not oder Hoffnung auf ein besseres
Leben um. Fast alle biblischen Personen waren Geflüchtete, z.B. Noah, Abraham, Mose, David,
Jesus. Millionen Deutsche zogen ins Ausland, andere kamen in unser Land, und unsere Kultur
wurde dabei immens bereichert. - Integration durch Begegnung. Integration braucht persönliche Begegnungen, jeder Zugezogene
einen hier aufgewachsenen Freund. Der Staat kann dies finanziell unterstützen, geleistet wird es
von ganz vielen Menschen (3. Mose 19,34). Nur so bereichert Migration auch unsere Kultur. - Integration durch Teilhabe. Integration ist ein langer Prozess, der alle verändert, die hier
Aufgewachsenen und die Zugezogenen. Es bedeutet Teilhabe am Leben der Gesellschaft, statt
Parallelgesellschaften. Geduld, statt Parolen; fördern und fordern. - Asyl ist ein kostbares Gut. Menschen, die wirklich vor Krieg, Verfolgung oder Naturkatastrophen
fliehen, sollten wir weiter aufnehmen. Das Asylverfahren ist jedoch viel zu kompliziert, langwierig
und inkonsequent. Es muss klarer, schneller und schlanker werden. - Realistische Steuerung. Wir müssen die Leistungsgrenzen unserer Gesellschaft anerkennen
und Schwerpunkte setzen, statt idealistische Forderungen zu stellen. - Arbeitsmarktintegration. Der Zuzug von Beschäftigten muss reguliert und Integration in den
Arbeitsmarkt erleichtert werden, besonders in Bereichen mit Fachkräftemangel. Dazu braucht es
unbürokratische und schnelle Anerkennungsverfahren ausländischer Berufsabschlüsse sowie
zweckmäßige Angebote zur sprachlichen und beruflichen Weiterbildung. - Europäische Zusammenarbeit. Auch auf europäischer Ebene sind faire Regelungen notwendig.
Kein Staat darf überfordert werden. Daher müssen europäische Migrationsabkommen in einem
gemeinsamen europäischen Prozess überarbeitet wer